"Das Murren ist zu unterlassen"
- Der Kabarettist und Polizeiruf-Kommissar im Gespräch über Kunst, Dialekt und gute Werke -
Ein bekanntes Gesicht schafft Prominenz - und das verpflichtet. Die Frage ist: Was kann ein Prominenter damit bewirken, was soll er - und muss er es überhaupt?
Keiner muss. Aber jeder kann! Nach einigen Polizeirufen habe ich das Privileg, bekannt zu sein. Das nutze ich, um meine Botschaften im wahrsten Sinne "rüberzubringen". Wo ich auch bin, werbe ich für Verständnis: Wir haben in Deutschland noch eine Menge Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu entdecken. Und ich rede "drüben" nicht anders als hier. Mit Prominenz und etwas Geld kann man eine Menge tun. Ich halte es dabei mit dem Bibelwort: Tu Gutes und halt deinen Mund.
Eine glamouröse Spendengala im Fernsehen wäre also nichts für Sie?
Welche Art, sich zu engagieren, die beste ist, muss jeder selber entscheiden. Ich helfe lieber konkret vor Ort, meinem Nebenmann. Ich bin froh, wenn ich weiß, dass ich wirklich helfen konnte. Die so genannte Dritte Welt ist mittlerweile auch vor der Haustür! Bei allem versuche ich zu appelieren, dass wir selbst eine Menge tun können, und die meisten tun das wohl auch. Mir sind nur die suspekt, die so viel darüber reden.
Denken Sie, dass die Kunst hilft, die Welt zu verbessern?
Aber sicher! Man merkt es nur nicht gleich. Veränderung passiert ja immer nur in ganz kleinen Schritten. Jeder ist aufgerufen, mitzutun. Wer sich kampflos den "Umständen" ergibt, darf sich hinterher nicht beschweren! Es ist doch eigentlich gar nicht so schwer: die richtigen Leute wählen, seine Arbeit gut machen, im eigenen Umfeld helfen. Ich kann gute Texte schreiben und meine Rollen mit Grips spielen. Das ist etwas anderes, als sich immer zurückzuhalten und im Zweifelsfall zu beckmessern: Das haben wir doch schon immer gewusst, und deshalb haben wir auch nichts gesagt. Viele Menschen sehen und denken das Richtige, machen aber ihren Mund nicht auf. Wir leben doch - gottlob! - in einer Demokratie. Es kostet nicht den Kopf, Gesicht zu zeigen und seinen Mund aufzutun.
Wie erreichen Sie Ihr Publikum?
Meist mit der Bahn. Aber im Ernst: mit Respekt und Wahrheit. Glaubwürdigkeit wäre mir nicht genug. Ich denke, man spürt, dass in meinen Rollen viel von mir steckt. Dafür verändere ich öfter mal einen Text, wenn er mir nicht sprechbar erscheint. Ich schreibe auch viel selbst, und das als politisch interessierter Mensch. Das mache ich sehr gründlich und gewissenhaft, nehme mir viel Zeit dazu. Wie beim Text lernen: Vor Drehbeginn muss ich 80 Prozent des Buches im Kopf haben, damit ich über dem Text stehe und weiß, was ich sage. Mit meiner guten Vorbereitung drücke ich den Respekt vor meinen Kollegen aus. Alle sind wichtig, der Autor, die Kollegen, das Publikum. Aber ich bin es der die Botschaft bringt!
Haben Sie in der Schulzeit den Klassenkasper gemacht?
Dass ich der Klassenkasper war, hab ich erst hinterher verstanden. Zum Beispiel habe ich in der achten Klasse eine dicke Fünf von meinem Deutschlehrer kassiert, weil ich meinte, den "Zauberlehrling" nicht lernen zu müssen. Daraufhin habe ich mich hingesetzt und den Text gelernt - und Erfolg damit gehabt. Zum ersten Mal habe ich gemerkt: Das war gut! So hat es angefangen mit meinem Beruf. Komiker ist man oder nicht. Das kann man nicht lernen.
Mögen sie Schwäbisch?
Die deutsche Sprache liegt mir sehr am Herzen. Ich halte sie für eine der schönsten überhaupt, weil man sehr klar und differenziert ausdrücken kann, was man meint. Und jeder Dialekt ist etwas kostbares, ein schönes geistiges Refugium gerade in dieser Zeit. Einen Dialekt kann man nicht globalisieren, und hierin sehe ich mich ebenfalls als Botschafter.
Und egal in welchem Ländle - ich bin dafür, dass die Leute in ihrer Stadt das Sagen haben. Sie sollen ihren Dialekt mit Genuss sprechen und sich nicht dafür entschuldigen müssen. Sonst wäre da etwas verkehrt, oder?
Eine Frage zur Eitelkeit: Brauchen Sie einen Semperopernball?
Brauchen - nein. Aber ich möchte eingeladen werden! Ich halte überhaupt mehr davon, gerufen zu werden, als zu rufen. Obwohl ich weiß, dass man in dieser Gesellschaft viel rufen muss, aber ich mag es nicht so. Nur: Die Eitelkeit muss Grenzen haben. Ich mache beispielsweise keine Werbung für Zigaretten und Alkohol. Damit würde ich meinen inneren Überzeugungen untreu werden.
Man hört von einer besonderen Entdeckung, die Sie im grünen Gewölbe gemacht haben sollen. Was hat es damit auf sich?
Ich mag handfeste Überlieferungen. Seit ich denken kann, sammle ich Utensilien meiner Familie - wie Reliquien. Und dann komme ich ins Grüne Gewölbe und lese, dass Urban Schneeweiss, ein Vorfahre von mir, etwas fürs Grüne Gewölbe gearbeitet hat! Für einen Zufall halte ich das nicht. Und ohne dass mir jemand geraten hätte, mach ein Hörbuch für eine Führung durch das Grüne Gewölbe, hab ich mich selber beauftragt, genau das zu tun, weil es mir eine Herzenssache war. Hab mich ins Hinterhaus verzogen und geschrieben. Ich ahnte nur, dass es viele Leute interessieren könnte. Und schon war in den ersten zwei Wochen der "Zauberer von Ost", so der Titel, 5000 mal Verkauft. Mit dem von mir dazu eingeführten "Kulturfuffziger" habe ich schon zweieinhalbtausend Euro gesammelt.
Was soll damit finanziert werden?
Unser Freistaat kann nicht nur von Kulturrettung reden - es muss auch jemand geben, der die Kultur beschützt. Das sind zum Beispiel Restauratoren, deren Stellen in den Kunstsammlungen stark bedroht sind. Wenigstens in einem Fall soll da Abhilfe geschafft werden.
Das Murren ist zu unterlassen. So steht es auf einem Schild am Hauseingang bei Steimles. Ihre Lebensmaxime?
Jedenfalls ein sehr bedenkenswerter Spruch. Gefunden habe ich ihn in den Regeln des heiligen Benedikt. Vor 900 Jahren gab es offensichtlich dieselben Probleme wie heute, und er forderte von seinen Mönchskollegen: Meckert nicht, tut eure Arbeit, macht das Beste aus eurem Leben. Aber manchmal möchte ich murren. Wenn ich beispielsweise Folgendes sehe: Da kommen große Autos aus Frankreich, um die leckeren Äpfel auf Borthen bei Dresden abzuholen. Umgekehrt kommen Wagenladungen mit Äpfeln aus aller Welt zu uns. Da müssen wir uns alle fragen: Reden wir über den Klimawandel oder sollten wir nicht das Machbare tun, damit unsere Natur nicht völlig durcheinanderkommt?
Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Eine Menge: Dass ich für meine nächsten großen Projekte die passenden Verbündeten finde; dass ich weiter gute Rollen spielen kann, ohne den "Gutmenschen" machen zu müssen; dass ich etwas dafür tun kann, dem Wort "Ostdeutscher" den Beigeschmack von übler Nachrede zu nehmen; dass ich weiter zu Gesprächen eingeladen werde - als Mensch, und nicht als "der Mann aus dem Osten". Und dass wir besser mit Gleichartigkeiten und Unterschieden umgehen lernen, nicht mit der Globalisierung die Nationalitäten aufheben, dass wir kritischer sind gegenüber dem, was Politiker versprechen, dass Mutterboden und Vaterland keinen Schaden nehmen...
Herzlichen Dank, Herr Steimle!
Sie haben gefragt! Also keine Beschwerden, bitte. Das Murren ist zu unterlassen, Sie wissen ja.
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Ein Interview aus SAXONY Magazin der Sachsen LB vom April 2007
Link zu SAXONY |
Kein geschichtlicher Alzheimer
- Lothar Ehrlich im Gespräch mit Uwe Steimle -
IM GESPRäCH Uwe Steimle, Schauspieler aus Dresden, über Ostalgie, die große Kehre und die Attraktivität des sächsischen Dialekts
A: Verabredung
FREITAG: Guten Tag, Herr Steimle, ich möchte gern mit Ihnen ein Interview machen.
UWE STEIMLE: Der begabte Uwe Steimle versuchte der Figur mit Hühnergackern beizukommen. Dies misslang.
Wie bitte? Was meinen Sie?
Eine Theaterkritik.
Wer hat die geschrieben?
Sie. Der Gruftwächter. Kafka. Dresdner Staatsschauspiel. 1988.
Aber 1995 habe ich Ihren Bello in Bulgakows "Hundeherz" auf dem Dresdner Theaterkahn als eine der bemerkenswertesten Darstellungen des Theaterjahres hervorgehoben.
Da haben Sie es wieder gutgemacht.
Sie auch.
B: Gespräch
FREITAG: Vor ein paar Jahren gingen Sie mit einem schwarzen Koffer in die Dresdner Staatskanzlei. Warum?
UWE STEIMLE: Ich habe am Telefon dem verantwortlichen Referatsleiter gesagt: "Ich bin Günther Zieschong, werde 70, und ich möchte wie Herr Biedenkopf zu seinem 70. Geburtstag 50.000 Mark haben. Ich will ooch mal in der Drachenschenke eenen steigen lassen wie Herr Biedenkopf." Und da hat er gesagt: "Hören Sie, Kurt Biedenkopf ist der Bürger Sachsens, und Sie sind ein Bürger Sachsens." Ende des Telefonats. Da wusste ich, ich bin doch noch nicht angekommen in der Bundesrepublik. Und bin´s bis heute nicht.
Für Nicht-Sachsen sei hier eingefügt: "Der Bürger Sachsens" zahlte damals für seine private Residenz am Loschwitzer Elbhang pro Quadratmeter weniger als Mieter in halbsanierten Vorstadtwohnungen. Und die "Landesmutter" forderte bei Ikea und Karstadt Rabatte, die der Normalbürger nur erträumen konnte. - Doch zurück zu Ihnen,Uwe Steimle, warum sprechen Sie in Ihren Programmen mit Leidenschaft Sächsisch.
Für mich ist der Dialekt ein Rückzugsgebiet. In einer Welt, wo alles globalisiert wird, ist der Dialekt nicht globalisierbar. Und Dialekt ist ein Stück Heimat. Ich kann bestimmte Sachen nur im Dialekt denken. Man denkt klarer im Dialekt, glaube ich.
Wie erklären Sie sich, dass Sächsisch auf der Bühne auch außerhalb Sachsens gut ankommt? Dialekt, da steckt das Wort dialektisch drin. Der Sachse sagt nicht alles, was er meint, meint aber immer, was er sagt. Und das ist eine wunderbare Form des Umgangs. Ich finde den Dialekt unglaublich anziehend. Man kann darüber lächeln, und das ist was ganz Weiches, und über das Lachen, wie Dario Fo sagt, öffnen sich die Köpfe.
Sie haben schlechte Erfahrungen?
Es gibt sehr viele Missverständnisse, und ich glaube, die kommen nicht nur aus Vorurteilen, sondern auch aus Angst. Angst, etwas Falsches zu sagen, Angst, etwas Falsches zu denken. Der Christian Grashof hat vor kurzem gesagt, das fand ich sehr bemerkenswert: Noch nie war ein so großes Schweigen wie jetzt.
Im MDR-Fernsehen wurde die von Ihnen geschriebene "Ostalgie"-Folge verboten, in der Sie sagten: "Die Einheit Deutschlands ist vollendet, wenn der letzte Ostdeutsche aus dem Grundbuch gelöscht ist."
Das ist dann doch gesendet worden. Auf Grund des Protests der Bevölkerung. Das fand ich toll. Das ist ja auch ein Stück Demokratie. Wollen wir mal festhalten: Wir leben noch in einer Demokratie, auch wenn die täglich scheibchenweise abgehobelt wird.
Allerdings hat es nie eine Wiederholung dieser sehr populären Serie gegeben. Sie wäre "zu dresdnerisch", hieß es.
Aber jetzt hätten wir eventuell wieder eine Chance, weil ja zuständige Menschen mehr dem Alltag der DDR auf der Pirsch sein wollen, nachdem man jahrelang den Schmutzkübel über uns ausgekippt hat - entweder alles Täter oder alles Opfer, was sowieso niemand mehr hören kann. Aber die werden sich schon was dabei gedacht haben, sagt dann der Sachse.
Was hat Sie bewogen, noch in DDR-Zeiten - als zweiter nach Tom Pauls - Erich Honecker zu parodieren?
Lust am Ausprobieren. Tom machte den eher lauten, ich den eher leisen Erich. Und ich muss sagen im Nachhinein: Ich hatte ein verdammtes Glück, dass die mit anderen Sachen beschäftigt waren. Aber ich bin kein Revolutionär, bitte nicht. Ich habe auch nicht zum Untergang der DDR beigetragen. Das waren andere wichtige Menschen.
Sie haben 26 Jahre in der DDR gelebt.
Gott sei Dank.
Gott sei Dank?
Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich will die DDR nicht wiederhaben. Aber, wie der Peter Sodann sagt, man will sie sich auch nicht nehmen lassen. Mich stört vor allem, dass uns ständig erklärt wird, wie wir gelebt wurden. Wir haben die Revolution gemacht, und andre Menschen herrschen jetzt über uns. Ich fühle mich unterdrückt. Und es gibt noch Überlebende der Wende, einer sitzt hier, die sich nicht dem geschichtlichen Alzheimer verschreiben, sondern sagen: Ich kann vergleichen, ich weiß, wie es wirklich gewesen ist. Dieser Staat DDR war daran interessiert, dass sich auch einfache Leute mit der Grundfrage der Philosophie auseinandergesetzt haben: Ist die Welt erkennbar? Und heute wird uns ständig versucht zu erklären, sie sei nicht erkennbar, und es wird uns ständig erklärt, im Namen des Kapitals, dass die Welt nicht veränderbar sei. Und dem widerspreche ich energisch.
Sie hätten aus der DDR vieles mitgenommen, haben Sie gesagt.
Wir hatten - fast im urchristlichen Sinne - so ein Pathos, als ob wir für die Welt mitverantwortlich wären. Und das war ein ungemein schönes Gefühl. "Achte deinen Nächsten", "Schau, dass du helfen kannst" und vor allen Dingen "Vom Ich zum Wir" - das habe ich mit der Muttermilch eingesogen, und das sind Sachen, die mir gut bekommen sind.
Und Utopien, wie steht es damit?
Wenn eine Sache gescheitert ist, heißt das ja nicht, dass die Utopie, die Idee, der man sich annähern soll, allezeit vom Tisch ist. Die Utopie, dass es auch einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz geben muss. Ich würde Geld zum Kulturgut erheben, dann könnte man es nicht so leicht außer Landes schaffen und das Großkapital an die Kandarre nehmen. Sofort.
Sie haben das Wort "Ostalgie" erfunden. Warum benutzen Sie es nicht mehr?
Mit Ostalgie gemeint ist: Aus dem Spannungsverhältnis zwischen der Frau Bähnert, die zwei Diktaturen überlebt hat und Herrn Zieschong, der eine überlebt hat, aus dieser lebendigen geschichtlichen Erfahrung das Hier und Heute zu beurteilen. Und insofern ist "Ostalgie" überhaupt nichts Rückwärtsgewandtes oder "Ach, wie schön wars", sondern der Versuch, sich mit dem Alltag von heute auseinander zu setzen. Und auf diese Fähigkeit der Zuschauer habe ich immer vertraut.
Sie sagen auch nicht mehr Wende", sondern "Kehre".
Das sagt´s am besten. Jetzt geht´s wieder in die Gegenrichtung.
Sie wollten Schauspieler werden, lernten aber Schmied.
Von 80 bis 83 im Edelstahlwerk "8. Mai" - Tag der Befreiung. Es war die Befreiung vom Hitlerfaschismus für alle Deutschen und nicht nur, wie man jetzt gerne behauptet, für die Ostdeutschen.
Und wieso wurden Sie Schmied in Freital?
Zufall. Ich war als 100-Meter-Läufer Leistungssportler in einer Gesellschaft, die angeblich keine Leistungsgesellschaft war. Und da ich abtrainierte und alle Arbeitsplätze vergeben waren, wurde mir in der Schule geraten, ich sollte doch mal reinriechen, wie Arbeiter eigentlich arbeiten. Und da habe ich praktische Erfahrungen im Umgang mit Menschen gesammelt, und die prägen mich heute noch. Einzustehen dafür, was man sagt und was man tut. Ich habe immer versucht in der Brigade "Rosa Luxemburg" herauszustellen, dass ich bald etwas Besseres sei, nämlich Schauspielstudent. Und mir wurde klar gemacht, im Moment wäre ich doch aber Industrieschmied, und ich hätte mich ins Kollektiv einzufügen. Und als ich das begriffen hatte, die waren ja auch zahlenmäßig überlegen, von da an haben sich auch der Pressenführer und der 1. Ofenmann für mich interessiert, für meine Arbeit. Das war was ganz Berührendes.
Sie kehren von der Kabarettbühne und vom Film immer wieder zum Theater zurück. Macht Kunst die Menschen besser?
Unbedingt. Wer sich mit Kunst und Kultur beschäftigt, haut in der Regel keine Ausländer tot. Wer eine Geige in der Hand hat, hat schon mal keine Axt in der Hand. Ich hab ja die Gleichung aufgestellt: 21 Prozent Zunahme des Rechtsradikalismus, 55 Prozent mehr Gewinn der Deutschen Bank. Ich erinnere mich noch an ein Plakat von John Heartfield, das hieß "Millionen stehen hinter mir". Da war Adolf Hitler zu sehen und hatte die Hand zum Hitlergruß erhoben, aber es wurden Geldscheine draufgelegt. Wenn die Rechten erst wieder richtig salonfähig sind, dann machen die Deutsche Bank und alle, die bereitstehen, wieder mit. Hundertprozentig.
Durch "Polizeiruf 110" sind Sie bis nach Österreich und in die Schweiz populär. Kürzlich waren Sie für den Bayrischen Fernsehpreis nominiert.
Wenn ich den bekommen hätte, hätte ich gesagt: "Dass ich als Sachse, arbeitend in Mecklenburg-Vorpommern für den Norddeutschen Rundfunk, der in Hamburg sitzt, in Bayern einen Preis bekomme, wenn das kein Zeichen für Globalisierung ist, dann weiß ich auch nicht mehr." Es wurden dort über hundert Sendungen eingereicht, und unser Team kam unter die letzten drei. Das ist eine wunderschöne Wertschätzung.
Was interessiert Sie an Ihrer Figur, dem Hauptkommissar Hinrichs?
Der Mann tritt zwar nach unten und buckelt nach oben, besitzt aber gleichzeitig eine große Liebenswürdigkeit. Er setzt sich nämlich mit philosophischen Fragen auseinander und beobachtet wichtige Kleinigkeiten. So fällt ihm bei einer Fahrt durch Mecklenburg-Vorpommern auf, dass im Hintergrund auf einer Leine sieben Schlüpfer hängen, getragen von einer Wäschestütze, und er weiß, dass dort die Welt in Ordnung ist. Und wenn das der Zuschauer mitbekommt, dann ist das, was da hinten abläuft, wichtiger als das, was ich erzähle. Und da kann ich nur sagen: Danke, Norddeutscher Rundfunk, dass solche Filme möglich sind. Denn wir sind ja der Gegenpol zu diesen riesigen Schinken wie Dresden, wie Sturmflut und diesem ganzen Schwachsinn, wo die Geschichte auf den neuesten Stand der Lüge gebracht wird.
In Edgar Reitz´ Fernsehfilm "Heimat 3" spielten Sie den Gunnar, der nach der Wende vom Leipziger Gewandhaustechniker zum Millionär und Knastbruder wird. Sie sagten, die Rolle habe viel mit Ihrem Leben zu tun.
Ich konnte mich da einbringen, auch mit kleinen Beobachtungen. Bei dem Gunnar, den ich spielen durfte, ist eben diese große Unsicherheit - zu glauben, man hat´s geschafft und fällt wieder auf die Nase und fängt wieder von vorne an. Und so ist das bei mir jeden Abend. Ich werde mit jedem Auftritt ängstlicher. Lampenfieber im Sinne von: Wird s denn gut gehen?
Für viele Menschen sind Sie eine selbstbewusste Stimme aus dem Osten. Wie vereinbaren Sie diese Haltung mit Ihrem Bild von Deutschland, das Sie als Ihre große Heimat ansehen?
Mit dem Mut des Verzweifelten. Ich wünsche mir, es gäbe mehr Leute, die für dieses Land einstehen. Viele denken schon das Richtige, haben aber oft nicht den Mut, den Mund aufzumachen.
"Das Richtige" - was ist das?
Aus dem Bauch heraus spürt jeder, was Unrecht ist. Dass man dagegen aufstehen muss. Das kann man manchmal auch mit Kleinigkeiten, man kann helfen, man kann spenden, man kann immer schauen, dass es dem andern gut tut, und das tut einem selber auch gut. Und was heißt Ostdeutscher. Es ist für mich was Wunderbares, bei meinen Programmen festzustellen: Es gibt auch in Bayern Menschen, die ticken ähnlich wie ich, auch in Ludwigshafen, in Kiel. Es gibt keine besseren Menschen, weder in Ostdeutschland noch sonstwo.
Und Heimat?
Heimat ist Trachau in Dresden, der Hinterhof, wo meine Mutter unsere Schlüpfer aufgehängt hat. Und ich möchte immer jemand haben, der sagt: Uwe, flieg mal nicht ab. Wie meine Frau, wenn ich mal anfange zu spinnen, was ich noch alles machen könnte, mich selber lobe - auch eine dumme Eigenschaft von mir - und die sagt dann: Geh doch mal in den Keller, wir brauchen noch Marmelade. |
Ein Zeitungsartikel aus der Ost West Wochenzeitung "Freitag", Ausgabe 35 vom 01.09.2006
http://www.freitag.de
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